S.E. Erzbischof M. Lefebvre zur Fastenzeit
Liebe Gläubige!
Die Kirche möchte uns hinführen zur Übung eines vollkommen christlichen Lebens. Sie zeigt uns das Beispiel Christi; und durch Fasten und Buße vereinigt sie uns mit den Leiden Christi, um uns so teilnehmen zu lassen an seiner Erlösung.
Während der Dauer der „hl. 40 Tage“ erinnert sie uns an die Tatsache, dass wir Sünder sind, dass wir befallen sind von der Begierlichkeit des Fleisches, der Begierlichkeit der Augen und der Hoffart des Lebens. Sie legt auf unsere Lippen die bewegenden Worte: „Herr, handle nicht an uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unseren Missetaten ... lass eilends Dein Erbarmen uns entgegenkommen!“ (Tractus, Aschermittwoch)
Selig sind Sie, liebe Gläubige, die Sie den Geist des Glaubens bewahrt haben und sich nun auf diese Zeit des Gebetes und der Buße mit Hingabe einstellen. Sie sind überzeugt, dass Sie sich heiligen durch eine eifrigere Teilnahme an der hl. Messe, durch Fasten und Abstinenz, durch Almosen und eine größere Übung der christlichen Tugenden: der Demut, der Sanftmut, der Geduld, der Güte; und wenn möglich durch Teilnahme an Exerzitien, die Sie von Sünden und einer ungeordneten Anhänglichkeit an die Welt reinigen, um sie die liebende Vertrautheit mit Jesus und Maria finden zu lassen und so Ihr Leben umzugestalten.
Aber um an ein solches Wiederaufleben der Gnade in den Seelen zu glauben, braucht es nicht nur Glauben, sondern wahrhaft christlichen Glaubengeist. Dieser ist ein lebendiger Glaube, vom Hl. Geist eingegeben, der unsere Seelen mit sich führt auf den Weg der Vollkommenheit, hin zu einer ständig größer werden Liebe zu Gott und dem Nächsten.
Leider stellen wir immer mehr fest, dass gerade dieser Glaubensgeist, der aus der Taufgnade lebt und wächst, verschwunden ist, selbst aus dem Umfeld der höchsten kirchlichen Autorität. Die Grundsätze, die den Hl. Vater [Papst Johannes Paul II.] und die Bischöfe leiten, sind nicht mehr die Grundsätze des Glaubens sondern die der gefallenen Natur und ihres verdunkelten Verstandes: Grundsätze des Protestantismus, des Liberalismus, des Modernismus und des Laizismus; Grundsätze, die von der Kirche seit dem Konzil von Trient bis hin zu Papst Pius XII. verurteilt worden sind.
Die neueren Päpste haben das geistige Erbe der Kirche von nahezu 20 Jahrhunderten zurückgewiesen und an dessen Stelle das Erbe des Liberalismus und Modernismus gesetzt. Alles, was sie sagen und tun, ist das Echo von dem, was die Neuerer seit 400 Jahren gesagt und getan haben. Das Religionstreffen von Assisi ist die vollendete Frucht des liberalen Katholizismus, den alle Päpste bis zum II. Vatikanischen Konzil hin verurteilt haben.
Wir finden uns einer kirchlichen Welt gegenübergestellt, die ganz und gar durchdrungen ist von Zusammenhangslosigkeit und Widerspruch. Sie sucht einen Kompromiss herzustellen zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gott und Belial [ 2 Kor 6,14].
Dieser Glaubensabfall scheint das Kommen des Antichristen vorzubereiten, wie es der hl. Paulus in seinem 2. Brief an die Thessalonicher und die Kommentare der Kirchenväter beschreiben. Als Unser Herr und die Apostel von den Ereignissen des Weltendes sprachen, wandten sie sich an die treu gebliebenen Christen: „Weiterhin, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Herrn Jesus, euch an das zu halten, was ihr von uns empfangen habt [1Thess 4,1].“
„Kommen wird aber der Tag des Herrn wie ein Dieb. Da werden die Himmel zischend vergehen, die Elemente sich in Gluthitze auflösen, und die Erde und die Werke auf ihr werden im Gericht erfunden werden. Da sich alles in dieser Weise auflöst, wie sehr muss man sich dann eines heiligen Wandels und der Frömmigkeit befleißigen; ... Deshalb, Geliebte, da ihr dies erwartet, bemüht euch eifrig, ohne Fehl und Tadel vor ihm in Frieden befunden zu werden“ [2Petr 3,10].
Mögen also unsere Gebete und unser Fasten eine Quelle der Heiligung für uns sein, und eine inniges Flehen um Rückkehr der Hirten zur Wahrheit des überlieferten Lehramtes der Kirche, zur Ehre Unseres Herrn, um sein allumfassendes Reich und das Reich Mariens, seiner heiligsten Mutter, aufzurichten.“
Mgr. M. Lefèbvre
Ecône, 25. Jan. 1987
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