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Briefe und Bücher / Wochenbrief Nr. 7 aus 2006

Der Schlüssel zum Paradies

Wir suchen die Ruhe und den Frieden. Wir finden, was wir suchen. Wir finden, was wir auf den Straßen, in den Vergnügungslokalen, auf den Banken, in den Modejournalen nicht gefunden haben und nie finden werden. Wir finden den Schlüssel zum Paradiese wieder, den Adam verloren. Der Schlüssel ist das Kreuz. Kein anderer macht auf als Christus, der gekreuzigte Heiland.

Ein blutschwitzender, gegeißelter, dornengekrönter, kreuztragender und gekreuzigter Gott und König ist, um mit Paulus zu reden, für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit. Wenn die Passionsgeschichte uns von einem gefesselten Gott, von einer zitternden Allmacht spricht, so sind das unfaßbare Geheimnisse. Die Lehre von einem starken Christengott scheint da zur Fabel zu werden. Ist eine Religion nicht gerichtet, wenn ihr Stifter verlassen, verraten, verleugnet von Volk und Behörden am Schafott verbluten muß?

Wir geben es zu. Wir stehen vor einem Geheimnis. Ein leidender Gott scheint eine Unmöglichkeit und ein Widerspruch zu sein. Ein Ärgernis. Ein Unsinn. Etwas, wogegen sich alle gesunde Vernunft und alles feinere Empfinden empört. Aber nur scheinbar. Nur für den Oberflächenmenschen. Wer an Hand der göttlichen Offenbarung mit der Fackel des Glaubens hinabsteigt in diesen Abgrund des Geheimnisses, der findet dort den Schlüssel für alle Welträtsel. Die Passion unseres Herrn ist, anstatt eine Torheit zu sein, vielmehr die einzige den Menschengeist und das Menschenherz befriedigende Antwort auf die Frage nach der Weltschuld und der Weltsühne, nach dem alle Jahrtausende zermarternden Problem von Sünde und Strafe.

Die Weltschuld ist die große, unleugbare Tatsache der Weltgeschichte. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das Werk gehört dem Meister. Die Schöpfung gehört dem Schöpfer. Der Mensch macht davon keine Ausnahme. Der Mensch ist wohl der König der Erde. Aber nur unter der Bedingung, daß er sich selber als Gottes Eigentum und Diener anerkenne. Weil der Mensch von Gott ist, muß er Gottes sein, und weil er Gottes ist, muß er für Gott sein. Ausschließlich und überall. Immerwährend und in allem. Mensch sein heißt Geschöpf sein, und Geschöpf sein heißt den Willen des Schöpfers tun. Mensch sein bedeutet radikale, totale, permanente Unterwerfung unter die absolute Souveränität des Allerhöchsten. Bedingungsloses, freudiges, ewiges Ja des Glaubens, der Demut und des Gehorsams. Das muß der Inhalt der Weltgeschichte sein.

Da geschah das Ungeheure, das Unfaßbare. Adam, der König der Erde, sprach das erste Nein gegen Gott. Das Nein des Unglaubens, des Hochmutes und des Ungehorsams. Das war die Revolution, die Mutter aller Empörung auf Erden. Seither ist die Sprache der Adamiten eine Neinsprache. Millionenfaches Nein, wir glauben nicht, nein, wir dienen nicht, nein, wir gehorchen nicht, dringt Tag und Nacht von der Erde zum Himmel. Die Menschheit in ihrer übergroßen Mehrheit ist seit Adams Tagen im Kriegszustand gegen Gott. Das ist die Schuld der Welt. Die Weltschuld, die große, unbestreitbare Tatsache der Weltgeschichte.

Schulden müssen bezahlt werden. Die Schuld der Welt verlangt die Bestrafung der Welt. Weil Gott Gott ist, muß er heilig sein. Er muß das Böse hassen. Weil Gott Gott ist, muß er gerecht sein. Er muß das Schlechte ahnden. Weil Gott Gott ist, muß es eine Hölle geben. Dieses Bewußtsein lastet tatsächlich seit der Urzeit immer auf der Menschheit. Wir gehen schuldbeladen und schuldgebeugt durchs Leben. Wir ahnen, wir wissen, daß irgendwo, irgendwann, irgendwie sicher immer wieder eine Abrechnung kommen muß. Ein Gericht.

Auf diesem Hintergrund muß die Passionsgeschichte betrachtet werden. In dieses Licht muß der blutschwitzende, gegeißelte, dornengekrönte, kreuztragende, gekreuzigte Christus gestellt werden. Christus ist Gott. Gewiß. Christus ist aber auch Mensch. Noch mehr: Christus ist die Menschheit. Er ist nicht bloß Privatperson, irgendeiner. Er ist in gewissem Sinne wir. Er ist wie einst Adam der solidarische Vertreter des Menschengeschlechtes. Er hat vertraglich alle Passiven des gesamten Menschengeschlechtes auf sich genommen. Auf allen Schuldbriefen der Erde steht als Mitschuldner, Selbstzahler und Bürge der Name Jesus. Jesus ist der Weltschuldträger. Der Weltstrafenträger.

Schon Isaias schaut Christus in diesem Licht. Christus ist ihm die Menschheit. Die für die Sünde sühnende Menschheit. Einer für alle! Er ist, wie der Prophet Ihn zeichnet, der Verachtete. Der Mindeste der Menschen. Der Mann der Schmerzen. Das Antlitz verhüllt vor Schmach. Ein Aussätziger. Ein von Gott Geschlagener. Aber verwundet um unserer Sünden willen. Zerschlagen unserer Missetaten wegen. Er ladet auf Sich unsere Schmerzen. Er trägt unsere Krankheiten. Unser aller Missetaten hat der Herr auf Ihn gelegt. Er öffnet Seinen Mund nicht. Ist wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird. Verstummt wie ein Lamm vor dem, der es schert. Er wird geopfert. Aber, weil Er selbst wollte! (Is 53). Christus, der Weltsündenträger, der Weltstrafenträger.

Die Lehre, die wir aus dieser Tatsache ziehen müssen, ist vertiefter Glaube an das Dogma von der Einheit und Solidarität des Menschengeschlechtes. Daß wir alle wie die Organe eines Leibes einen zusammengehörenden Organismus bilden. Nicht so, wie der Kommunismus glaubt. Nicht so, als wären wir eine unpersönliche, rechtlose, unförmige Masse. Nicht so, als hätte der einzelne keine Seele, kein Eigenleben, keine Sonderaufgabe, keine persönliche Zukunft. Sondern in dem Sinn, daß wir neben dem Eigenleben ein Sozialleben, neben der Sonderaufgabe eine Gesamtaufgabe, neben der persönlichen Verantwortlichkeit eine kollektive, eine Gemeinschaftsverantwortung annehmen. Wenn man Mensch ist, dann ist man naturnotwendig Glied. Glied einer Familiengemeinschaft. Glied einer Volksgemeinschaft. Glied einer Religionsgemeinschaft. Glied der Mehrheitsfamilie. Und darum mit ihnen schicksalsverbunden.

Und darum mit ihnen mitfühlend, mitleidend, mitsühnend. Wie die Menschwerdung Christi folgerichtig zur Passion führte – wer A sagt, muß B sagen – so führt auch für uns das als Glied in ein Volk und in eine Zeit Hineingeborenwerden folgerichtig zur Solidarität der Passion, zur Mitleidenspflicht und Sühnepflicht mit seinem Volk und seiner Zeit. Das gleiche gilt von der Wiedergeburt. Wer durch die Taufe eingegliedert wird in Christus und Seinen mystischen Leib, die Kirche, der wird solidarisch verbunden mit einem blutschwitzenden, gegeißelten, dornengekrönten, kreuztragenden und gekreuzigten Haupt und muß darum zum Wohl der Glaubensgemeinschaft mitleidend mitsühnen. Es gibt Menschen, die zur Passion in besonderer Weise als Sühneopfer berufen sind. In gewissem Sinne sind wir es alle. Man kann nicht Christ werden, ohne etwas vom Gekreuzigten zu werden. «Wer sein Kreuz nicht trägt und Mir nachfolgt, kann Mein Jünger nicht sein» (Luk14,27).

Robert Mäder, Das Leiden Christi

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