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Briefe und Bücher / Wochenbrief Nr. 6 aus 2006

Fasten als Heilmittel gegen eine Volksepidemie

Gemäß dem viel beachteten Buch „Vorsicht Bildschirm“ (Klett 2005) des Neurowissenschaftlers Prof. Dr. Manfred Spitzer haben Übergewicht und Dickleibigkeit in der westlichen Welt ein epidemieartiges Ausmaß erlangt und sind als wesentliche negative Einflussgrößen auf die Volksgesundheit erkannt. Der daraus sich ergebende Schaden liege in Zukunft – vorsichtig geschätzt – in zweistelliger Milliardenhöhe.

Als Gegenstück zur körperlichen Überernährung lässt sich eine alarmierende geistige Unterernährung feststellen, die sich in einem nie zuvor in diesem Ausmaß erlebten Wertezerfall und einer vollständigen Orientierungslosigkeit insbesondere bei der jungen Generation äußert.

Auf diese beiden überaus besorgniserregenden Zeitübel kann einzig das Christentum wirksame Heilmittel anbieten: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Matth 4,4).

In dem Maß, als sich der Mensch Gott nähert und sich von Seinem Licht und seiner Gnade nährt, wird er Lebensinhalt, -erfüllung und Orientierung finden, gleichzeitig auch die Kraft, dem Begehren des Körpers die rechten Grenzen zu setzen. Andererseits wird das Bemühen um Zügelung der Sinnlichkeit den Geist befreien, damit er sich mit umso mächtigerem Elan zu seinem letzten Ziel hin aufschwingen kann.

Seit den urchristlichen Zeiten machten unzählige Generationen die wohltuende Erfahrung des Fastens in Verbindung mit dem Gebet: In den ersten Jahrhunderten kannte man in der römischen Mutterkirche wöchentlich drei Fasttage, den Mittwoch, Freitag und Samstag und nannte sie Feriae, d.h. Feiertage, weil man das Fasten mit feierlichen Gottesdiensten verband. Zudem diente das Fasten auch zur Erquickung der Bedürftigen, die man durch die sich selbst auferlegte Genügsamkeit freigebiger unterstützen konnte.

Der hl. Augustinus spricht von diesem wunderbaren Dreiklang des Gebetes, verbunden mit Fasten und Liebeswerken: „Willst du, dass dein Gebet zu Gott aufsteigt, schaff ihm zwei Flügel: Fasten und Almosengeben. – Wie viele kannst du speisen mit der Mahlzeit, auf die du heute verzichtest! Faste so, dass du dich dabei freust über den Genuss, den du den Armen bereitest“ (in Ps 42,8).

Da uns das Maßhalten im Essen nicht ganz leicht fällt, seien hier nun einige praktische Ratschläge gegeben, die uns der berühmte Kardinal Mercier in seinem Büchlein Christliche Abtötung vorlegt. Nachdem er in einem ersten Abschnitt einige Grundsätze dargelegt hat, spricht er dann von konkreten Anwendungen in die Praxis, wovon wir hier nur jene über das Maßhalten im Essen anführen.

I. Wesen der christlichen Abtötung

„Die christliche Abtötung hat zum Ziel, die bösartigen Einflüsse unwirksam zu machen, welche die Erbsünde noch in unseren Seelen ausübt, selbst nachdem die Taufe sie erneuert hat.

Wenn auch unsere Erneuerung in Christus die Sünde in uns vollständig tilgt, lässt sie uns dennoch weit entfernt von der ursprünglichen Lauterkeit und dem ursprünglichen Frieden. Das Konzil von Trient anerkennt, dass die dreifache Begierlichkeit des Fleisches, der Augen und des Stolzes, sich in uns spürbar macht, selbst nach der Taufe, um uns zu den glorreichen Kämpfen des christlichen Lebens anzuspornen. Diese dreifache Begierlichkeit ist es, die die Heilige Schrift bald den „alten Menschen“ nennt, der dem „neuen Menschen“ entgegengesetzt ist (nämlich Jesus, der in uns lebt, und wir selbst in Jesus); bald „das Fleisch“ oder die gefallene Natur, die dem „Geist“, d. h. der durch die übernatürliche Gnade erneuerten Natur entgegengesetzt ist. Diesen „alten Menschen“, bzw. dieses „Fleisch“, das heißt den ganzen Menschen mit seinem zweifachen moralischen und physischen Leben muss man „abtöten“, das bedeutet, ihn praktisch zur Ohnmacht, zur Indifferenz und Unfruchtbarkeit eines Toten führen. Man muss ihn daran hindern, seine „Frucht“ zu bringen, die in der Sünde besteht, und seine Tätigkeit in unserem ganzen moralischen Leben aufheben.

Die christliche Abtötung muss also den ganzen Menschen umfassen und sich auf alle Bereiche unserer Aktivität erstrecken, in denen unsere Natur fähig ist, sich zu bewegen.

Solcherart ist der Gegenstand der Tugend der Abtötung: wir werden ihre Praxis aufzeigen, indem wir nacheinander die vielfältigen Äußerungen von Aktivität durchlaufen werden, in denen sie sich bei uns offenbart:

1.) Die organische Aktivität oder das körperliche Leben.

2.) Die Sinnestätigkeit, die ausgeübt wird sei es in Form von sinnlich wahrnehmbarer Erkenntnis durch die äußeren (fünf) Sinne oder durch die Einbildungskraft, sei es in Form von sinnlicher Begierde oder Leidenschaft.

3.) Die vernunftmäßige und freie Aktivität: Ursprung unserer Gedanken, Urteile und Willensentscheidungen.

4.) In der Folge werden wir die Kundgebung unseres Seelenlebens nach außen oder unsere äußeren Handlungen betrachten.

5.) Und schließlich unsere wechselseitigen Beziehungen zum Nächsten.

II. Praktische Ratschläge

1.) Beschränken Sie sich im Falle der Nahrungsmittel auf das schlechthin Notwendige, so weit dies möglich ist. Denken Sie über die Worte nach, die der heilige Augustinus an Gott richtete: ‚O mein Gott, Du hast mich gelehrt, die Nahrung nur als Hilfsmittel zu gebrauchen. Ach Herr, wer ist derjenige unter uns, der hier nicht manchmal die Grenze überschreitet? Wenn es einen gibt, so erkläre ich, dass dieser Mensch groß ist und dass er Deinen Namen wohl in großartiger Weise verherrlichen muss’ (Bekenntnisse X, 31).

2.) Bitten Sie Gott oft, bitten Sie Ihn täglich, Er möge durch Seine Gnade verhindern, dass Sie die Grenzen der Notwendigkeit überschreiten und sich dem Reiz der (Ess-)Lust hingeben.

3.) Nehmen Sie zwischen den Mahlzeiten nichts ein, sofern nicht eine Notwendigkeit vorliegt oder Anstandsgründe es nahe legen.

4.) Praktizieren Sie Enthaltsamkeit und Fasten, aber praktizieren Sie sie nur im inneren Gehorsam und mit Verschwiegenheit.

5.) Es ist Ihnen nicht untersagt, irgendeine leibliche Befriedigung zu verkosten, aber tun Sie dies mit reiner Absicht und indem Sie Gott preisen.

6.) Was die Qualität der Lebensmittel anbelangt, so haben Sie große Achtung vor dem Ratschlag unseres Herrn! ‚Esst, was man euch vorsetzt. Esst, was gut ist, ohne daran Gefallen zu finden, und das, was schlecht ist, ohne eure Abneigung zu bekunden; man erzeige sich sowohl beim einen als auch beim anderen ebenso gleichmütig (= indifferent).’ Das ist, sagt der heilige Franz von Sales, die wahre Abtötung.

7.) Bieten Sie Gott Ihre Mahlzeit an, legen Sie sich bei Tisch eine kleine Entbehrung auf; versagen Sie sich zum Beispiel ein Körnchen Salz, ein Glas Wein, eine Süßigkeit, etc. Ihre Tischgenossen werden das gar nicht bemerken, aber Gott wird es Ihnen anrechnen.

8.) Wenn das, was man Ihnen vorsetzt, Ihre Esslust lebhaft anstachelt, dann denken Sie an die Galle und den Essig, mit denen unser Herr am Kreuze getränkt wurde: das kann Sie zwar nicht vom Genießen abhalten, aber es wird der Lust als Gegengewicht dienen.

Schlussfolgerung:

Im allgemeinen sollten Sie die Kraft haben, Ihrer Natur das zu verweigern, was sie von Ihnen, ohne dass eine Notwendigkeit vorliegt, fordert.

Haben Sie die Kraft, ihr das abzufordern, was sie Ihnen ohne Grund vorenthält. Ihre Fortschritte in der Tugend, sagt der Verfasser der Nachfolge Christi, werden im Verhältnis zu der Gewalt stehen, die Sie imstande sind, sich anzutun.

‚Wir müssen sterben’, sagte der heilige Bischof von Genf, Franz von Sales, ‚wir müssen sterben, damit Gott in uns lebt: denn es ist unmöglich, auf einem anderen Weg zur Vereinigung unserer Seele mit Gott zu gelangen, als durch die Abtötung. Diese Worte: Wir müssen sterben, sind hart; aber sie werden gefolgt sein von großer Milde, denn man stirbt nur deshalb sich selbst ab, um durch diesen Tod mit Gott vereint zu sein.’

Möge es Gott gefallen, dass wir dazu berechtigt seien, diese schönen Worte des heiligen Apostels Paulus an die Korinther auf uns zu beziehen: ‚In allen Dingen erleiden wir Drangsal. ... Immer und überall tragen wir das Hinsterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe sichtbar werde’ (2 Kor.4; 8,10).“

P. Stefan Frey

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