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Briefe und Bücher / Wochenbrief Nr. 5 aus 2006

Bildschirmfasten?

Interview mit Neurowissenschaftler und Buchautor Manfred Spitzer über die Auswirkungen des Fernsehens

Alljährlich ruft uns die Kirche zu Beginn der Fastenzeit auf, in der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus würdige Werke der Buße und der Abtötung zu vollbringen. Die Fastenzeit ist ein großes Geschenk Gottes. Wer mit der angebotenen Gnade treu mitwirkt, wird seine Sünden abbüßen, ungute Neigungen überwinden und seine Seele reinigen und läutern, damit sie eine immer würdigere Wohnstatt des dreifaltigen Gottes werde. Zudem wird er wirksam am Heil seiner Mitmenschen mitarbeiten.

Im Zeitalter der Massenmedien und der Reizüberflutung ist mehr denn je der Kampf gegen die „Augenlust“ (1 Joh 2,16) angesagt, wenn wir nicht Opfer der eigenen Neugierde und des ungeordneten Wissensdurstes werden und uns irreparable Schäden an Leib und Seele zuziehen wollen.

Diesbezüglich hat uns Prof. Manfred Spitzer interessante Dinge zu sagen, die aus rein wissenschaftlicher Sicht die Forderungen des Evangeliums unterstützen. Das folgende Interview mit dem international renommierten Wissenschaftler und Hirnforscher führte die „Junge Freiheit“. Möge es uns zu einem großherzigen Entschluss animieren: konsequentes „Bildschirmfasten“!

Junge Freiheit: Herr Professor Spitzer, den Satz „Fernsehen macht dumm“ halten viele Zeitgenossen in seiner Pauschalität selbst für eine dumme Aussage. Es komme ganz auf die Inhalte an. - Falsch, sagen Sie in Ihrem Buch „Vorsicht Bildschirm!“, Fernsehen an sich ist das Problem.

Spitzer: Im Kindergartenalter ist Fernsehen tatsächlich aus rein formalen Gründen schon ein Problem. Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich die Welt erschließen mit all ihren Objekten und komplexen Zusammenhängen. Hierzu brauchen Sie die ganze Welt, das heißt mehr als nur eine bunte Bild- samt einer Klangsoße. Sie müssen die Dinge anfassen können, in den Mund stecken, es muß riechen und schmecken, die Bilder müssen eine Tiefe haben etc. Wir wissen, daß sich Säuglinge gerade dadurch, daß sie alle Sinne benutzen, die Welt erschließen. Wenn man ihnen dann nur einen Bruchteil der Sinneserfahrungen anbietet, ist das ungünstig für die Gehirnentwicklung.

Klingt zwar einleuchtend, könnte aber auch nur eine oberflächliche Annahme sein. Bitte erläutern Sie Ihre Datenbasis.

Spitzer: Der Zusammenhang ist empirisch nachgewiesen: Fernsehen im Kindergartenalter führt nach einer groß angelegten Längsschnittstudie an über 1.000 Kindern zu einer starken Beeinträchtigung der beruflichen Karriere. Diese Kinder wurden in den Jahren 1972 und 1973 in einer kleinen Stadt in Südneuseeland erfaßt. Dann gingen die Wissenschaftler alle zwei bis drei Jahre zu den Familien, erhoben genaue Daten über beispielsweise Intelligenz der Kinder und der Eltern, über die Aktivitäten, das Umfeld etc. Heute sind diese Menschen über dreißig und man kann sich genau anschauen, was aus ihnen geworden ist. Unter anderem kam heraus: In der Gruppe, die mit fünf Jahren weniger als eine Stunde ferngesehen hatten, befinden sich mehr als vierzig Prozent Hochschulabgänger und weniger als zehn Prozent Schulabbrecher. In der Gruppe, die mehr als drei Stunden täglich ferngesehen hatte, waren es weniger als zehn Prozent Hochschulabgänger und etwa 25 Prozent Schulabbrecher.

Die Erklärung ist doch ganz einfach, die „Dummen“ schauen mehr fern!

Spitzer: Nein! Man hat den Intelligenzquotienten der Kinder und auch den der Eltern gemessen und kann diese Daten aus dem Zusammenhang herausrechnen. Er bleibt dann immer noch bestehen.

Wenn Sie auf fremde, ältere Experimente zurückgreifen statt auf eigene Untersuchungen, was ist dann so spektakulär neu an Ihrem Buch, das ein beachtliches Medienecho hervorgerufen hat?

Spitzer: Das Neue an meiner Art, die Dinge zusammenzufassen, besteht in der Neurowissenschaft.

Sie sprechen von Ihrer naturwissenschaftlichen Perspektive als Gehirnspezialist, während die Dinge sonst von Soziologen untersucht werden?

Spitzer: Eben, wir haben heute nicht nur soziologische, statistische Zusammenhänge, die Neurowissenschaft liefert Wirkungsmechanismen, das heißt sie zeigt uns, wie das Fernsehen auf die Gehirnentwicklung ungünstig einwirkt.

Nämlich?

Spitzer: Mäuse, die in einem reizarmen, langweiligen Käfig aufwachsen, haben unterentwickelte Gehirne. Nun scheint das Fernsehen zwar bunt und laut, aber für das Kleinkind ist es reizarm: Da gibt es nichts zu riechen und zu schmecken, man kann nichts anfassen, das Gesehene hat keine Tiefe. Es fehlen also etwa zwei Drittel des normalen Input. Wenn nun Kinder im Alter von zwei Jahren zwei Stunden vor dem Fernseher verbringen, also etwa zwanzig Prozent ihrer wachen Zeit, dann muß das negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung haben.

Der Erziehungswissenschaftler und Medienpädagoge Stefan Aufenanger von der Universität Mainz zum Beispiel wirft Ihnen „Polarisierung“ vor und meint, „daß Fernsehen nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch durch seine Struktur kognitiv anregend sein kann“.

Spitzer: Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen - Journalisten, Medienleute, zum Teil auch solche, die sich Medienpädagogen nennen -, die derartige Zusammenhänge einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Ich denke aber, die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache.

Sie bezeichnen die Teletubbies, ein für Kleinkinder konzipiertes Programm, als „kriminell“. In Baden-Württemberg sendet seit Ende Dezember gar ein Säuglings-Sender namens „Baby TV“. Drei Millionen Kabelkunden können ihn bereits empfangen.

Den ersten Leitspruch habe ich einem grossen Heiligen entlehnt, dem hl. Odilo, der im 10. Jahrhundert mit seinem Kloster Cluny eine schreckliche Kirchenkrise überwand: das sog. Saeculum obscurum, das dunkle Jahrhundert. Mit seiner Losung erwirkte er ein mächtiges Aufblühen des Eifers für Gott, er baute ein Kloster mit 3000 Mönchen. Was war nun seine Losung, die er jetzt auch uns für das begonnene Jahr mit auf den Weg gibt?

Spitzer: „Baby-TV“ grenzt aus meiner Sicht in der Tat an ein kriminelles Angebot: Wir wissen, daß kleine Kinder durch das Fernsehen nur Schaden nehmen können. Dies ist geistig und körperlich zu verstehen: Wir wissen, daß der Stoffwechsel der Kinder vor dem Fernseher geringer ist als in Ruhe - weil die muskuläre Aktivität vor dem Fernseher abnimmt -, und wir wissen weiterhin, daß Bewegungsarmut der Knochenentwicklung schadet. Auch hier sind die negativen Effekte des Fernsehens nachgewiesen. Fernsehen macht also nicht nur dumm, es macht auch dick und schadet der Knochenentwicklung. Wenn man dies weiß, ist eigentlich klar, daß man sein Kleinkind nicht vor den Fernseher setzen sollte.

Also gilt doch: Es kommt auf den richtigen Umgang mit dem Medium an!

Spitzer: Dies gilt für Jugendliche. Wenn man schon das Medium nicht ganz abschaffen kann - und übrigens, man kann: Jede Familie mit Kindern kann den Fernsehapparat abschaffen und damit einen wesentlichen Beitrag für die positive kindliche Entwicklung leisten! -, so sollte man dafür sorgen, daß so wenig wie möglich ferngesehen wird. Die heute üblichen drei Stunden - im Durchschnitt! - sind definitiv zuviel.

Das Schlüsselwort heißt also weiterhin „Medienkompetenz“ erlernen?

Spitzer: Hierzu gibt es einige wenige Studien, die nahelegen, daß Anleitung und Training zum Umgang mit Fernsehen bei Kindern und Jugendlichen leider keinen günstigen Effekt haben. Auf deutsch, es ist gut gemeint, bringt aber nichts.

Soziologen beklagen neben Sex und Gewalt im Fernsehen vor allem den Konsum seichter Massenunterhaltung als sozialschädlich. Wie sieht das aus neurobiologischer Sicht aus?

Spitzer: Die von Ihnen so genannte „seichte Massenunterhaltung“ ist wahrscheinlich das geringste Problem. Sie wird vor allem von älteren Menschen konsumiert, wo das Fernsehen am wenigsten schadet. Ältere Menschen müssen lediglich abwägen, ob sie durch das Fernsehen nicht zu stark vereinsamen, denn hierzu trägt Fernsehen bei allen Menschen, jung und alt, deutlich bei.

Also was empfehlen Sie? Den Fernseher abschaffen?

Spitzer: Das ist in der Tat am einfachsten, insbesondere wenn man Kinder zu Hause hat.

Sie haben Ihren Fernseher in den Keller gestellt, moderieren allerdings selbst wöchentlich die Sendung „Geist und Gehirn“ im Bayerischen Fernsehen.

Spitzer: Ich habe den Fernseher nicht nur in den Keller gestellt, sondern ganz abgeschafft. Meine Sendung kann ich deswegen nicht sehen, meine Kinder auch nicht. Hier muß man abwägen: Ich habe fünf Kinder, die keineswegs nur ihren Papa am Freitagabend auf BR-Alpha sehen würden. Als wir früher noch einen Fernsehapparat hatten, gab es jeden Abend Diskussionen darum, wer wann was sehen darf oder warum nicht. Das war mir irgendwann zuviel: Ich wollte nicht, daß sich unsere Konversation nur noch um den Fernsehkonsum dreht. Der Fernseher kam weg, und ich bin heute sehr froh darüber. Meine Kinder mittlerweile auch: Ich höre gelegentlich Kommentare wie: „Ach Papa, das ist eigentlich gar nicht schlecht, daß wir keinen Fernseher mehr haben.“

Eine weitere zentrale These Ihres Buches: Fernsehen steigert die Gewaltbereitschaft. Fernsehen an sich oder nur gewalthaltige Inhalte?

Spitzer: Natürlich sind es die Inhalte, die dafür sorgen, daß der Fernsehkonsum zu mehr realer Gewalt führt. Zu beachten ist hier, daß 1980 über fünfzig Prozent der in Deutschland gezeigten Fernsehprogramme Gewalt enthielten - mittlerweile sind es über achtzig Prozent! Zu beachten ist weiterhin, daß gerade im Kinderprogramm sehr viel Gewalt zu sehen ist und daß das reine Erwachsenenprogramm gar zu 100 Prozent Gewaltdarstellungen enthält. Bedenken Sie weiterhin, daß in Deutschland abends um 22 Uhr noch 800.000 Kinder im Kindergartenalter fernsehen, um 23 Uhr sind es noch 200.000, und auch um Mitternacht sind es noch 50.000.

Wo ist der Beweis, daß dies auch zu mehr Gewalttaten führt?

Spitzer: Genaue Daten liegen für die USA vor. Ein Epidemiologe hat dort ausgerechnet - und die Ergebnisse in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert -, daß allein auf das Konto der Einführung des Fernsehens in den USA jährlich etwa 10.000 Morde, 70.000 Vergewaltigungen und 700.000 weitere Gewaltdelikte gehen. Für Deutschland gibt es nur eine gute Untersuchung zum Thema Selbstmord: Es wurde ein Film ausgestrahlt, bei dem der Held sich vor einen Zug warf. Die Anzahl der Eisenbahnsuizide ging in den Wochen nach der Ausstrahlung deutlich in die Höhe. Durch entsprechende statistische Vergleiche konnte man weiter zeigen, daß tatsächlich mehr Selbstmorde verübt wurden und nicht nur diejenigen, die sich sonst vielleicht erschossen hätten, sich nun, weil sie ein anderes Vorbild hatten, vor den Zug geworfen haben. Der Autor der Studie hat daraufhin versucht, beim Fernsehen zu erwirken, daß der Film nicht noch einmal ausgestrahlt wird. Dies geschah trotzdem - mit entsprechendem „Erfolg“: Wieder brachten sich eine ganze Reihe von Menschen um. Der Vorgang ist aus meiner Sicht unglaublich!

„Fernsehtote“ - und gemeint sind nicht die Toten im „Tatort“ - ist ein Begriff, den wir nach Ihrer Meinung in unseren Sprachschatz aufnehmen sollten.

Spitzer: Wie schon vorhin angedeutet, hat das Fernsehen enorm negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Und natürlich sterben Menschen am Fernsehkonsum. Allein an der fernsehbedingten Dickleibigkeit sterben in Deutschland jährlich mehrere tausend Menschen.

Doch auch für Skatrunden, Kaffeekränzchen und Büroarbeit gilt: null Bewegung und vermehrter Verzehr von Kuchen, Keksen, Schokolade und Knabberzeug.

Spitzer: Die Mechanismen, warum Fernsehen dick macht, sind vielfältig: Beispielsweise bezieht sich die an Kinder gerichtete Fernsehwerbung zu 65 Prozent auf Nahrungsmittel, die zu hundert Prozent ungesund sind. Wer sie ißt, wird dick. Fernsehkonsum führt weiterhin zu ungesunderem Eßverhalten - weniger Essen zu den Mahlzeiten, mehr Snacks zwischendurch - und führt dazu, daß man sich weniger bewegt, insbesondere die unwillkürlichen kleinen Bewegungen nehmen ab. Deswegen führt das Fernsehen selektiv zur Dickleibigkeit, anders als beispielsweise das Lesen. - Im übrigen ist das Lesen kein Problem, denn rein zeitlich ist es bedeutungslos: Bei der deutschen Jugend stehen drei Stunden täglichem Fernsehen ganze 17 Minuten täglichem Lesen gegenüber.

Wenn sich Fernsehen so destruktiv auf unsere Gesellschaft auswirkt, warum wird dies dann von den etablierten Parteien nicht ernsthaft und vorrangig thematisiert?

Spitzer: Es wird Zeit, daß wir umdenken. Fernsehen verschmutzt die Köpfe der Kinder und Jugendlichen. Man muß es deswegen behandeln wie Umweltverschmutzung! Auch bei diesem Thema galt vor dreißig Jahren, daß die Leute geglaubt haben, man könne nichts daran ändern; die Produktion verdrecke nun einmal die Umwelt. Wir haben erlebt, daß dies kein „Naturgesetz“ ist. Wenn wir uns Mühe geben, können wir etwas ändern. Natürlich sind die Politiker gefragt.

Kinderschutzaktivisten - etwa wie die Aktion „Kinder in Gefahr“ - gelten nicht selten als „Spinner“ oder gar „autoritäre Ewiggestrige“.

Spitzer: Ich selbst wurde auch schon oft als „oberlehrerhaft“ oder als „Spaßbremse“ bezeichnet. Aber wer schreibt das? Natürlich die Medien selbst! […] Wichtig erscheint mir: Es kann nicht sein, daß sich eine Gesellschaft überhaupt nicht darum kümmert, was Kinder und Jugendliche mit dem größten Teil ihrer Zeit anfangen. Es kann auch nicht sein, daß wir die Inhalte den Marktinteressen einiger weniger überlassen. Wir müssen hier neu nachdenken - wenn wir dies nicht tun, dann wird unsere Gesellschaft kulturell und vor allem auch wirtschaftlich sehr rasch weiter an Bedeutung verlieren. Wir dürfen nicht weiter zusehen!

Moritz Schwarz

Prof. Dr. Manfred Spitzer Der Wissenschaftler und Publizist ist Autor des derzeit vieldiskutierten Buches „Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“ (Klett, 2005), das erstmals den Einfluß der „Bildschirm-Medien“ aus neurowissenschaftlicher Sicht untersucht. Spitzer, der im Bayerischen Fernsehen auch die Sendung „Geist und Gehirn“ moderiert (freitags auf BR-Alpha), ist Leiter des Psychiatrischen Universitätsklinikums in Ulm und Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie. Zwei Gastprofessuren in Harvard und ein Forschungsaufenthalt am Institut for Cognitive and Decision Sciences der Universität Oregon prägten seinen Forschungsschwerpunkt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie. Geboren wurde er 1958 in Darmstadt.

Aus: JUNGE FREIHEIT, 27. Januar 2006

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