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Bildschirmfasten?
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| Interview mit Neurowissenschaftler
und Buchautor Manfred Spitzer über die
Auswirkungen des Fernsehens |
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Alljährlich ruft uns die Kirche
zu Beginn der Fastenzeit auf, in der Nachfolge
unseres Herrn Jesus Christus würdige
Werke der Buße und der Abtötung
zu vollbringen. Die Fastenzeit ist ein großes
Geschenk Gottes. Wer mit der angebotenen
Gnade treu mitwirkt, wird seine Sünden
abbüßen, ungute Neigungen überwinden
und seine Seele reinigen und läutern,
damit sie eine immer würdigere Wohnstatt
des dreifaltigen Gottes werde. Zudem wird
er wirksam am Heil seiner Mitmenschen mitarbeiten. |
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Im Zeitalter der Massenmedien und der
Reizüberflutung ist mehr denn je der
Kampf gegen die „Augenlust“
(1 Joh 2,16) angesagt, wenn wir nicht Opfer
der eigenen Neugierde und des ungeordneten
Wissensdurstes werden und uns irreparable
Schäden an Leib und Seele zuziehen
wollen. |
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Diesbezüglich hat uns Prof. Manfred
Spitzer interessante Dinge zu sagen, die
aus rein wissenschaftlicher Sicht die Forderungen
des Evangeliums unterstützen. Das folgende
Interview mit dem international renommierten
Wissenschaftler und Hirnforscher führte
die „Junge Freiheit“.
Möge es uns zu einem großherzigen
Entschluss animieren: konsequentes „Bildschirmfasten“! |
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Junge Freiheit: Herr Professor Spitzer,
den Satz „Fernsehen macht dumm“
halten viele Zeitgenossen in seiner Pauschalität
selbst für eine dumme Aussage. Es komme
ganz auf die Inhalte an. - Falsch, sagen
Sie in Ihrem Buch „Vorsicht Bildschirm!“,
Fernsehen an sich ist das Problem. |
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Spitzer: Im Kindergartenalter
ist Fernsehen tatsächlich aus rein
formalen Gründen schon ein Problem.
Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich die
Welt erschließen mit all ihren Objekten
und komplexen Zusammenhängen. Hierzu
brauchen Sie die ganze Welt, das heißt
mehr als nur eine bunte Bild- samt einer
Klangsoße. Sie müssen die Dinge
anfassen können, in den Mund stecken,
es muß riechen und schmecken, die
Bilder müssen eine Tiefe haben etc.
Wir wissen, daß sich Säuglinge
gerade dadurch, daß sie alle Sinne
benutzen, die Welt erschließen. Wenn
man ihnen dann nur einen Bruchteil der Sinneserfahrungen
anbietet, ist das ungünstig für
die Gehirnentwicklung. |
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Klingt zwar einleuchtend, könnte
aber auch nur eine oberflächliche Annahme
sein. Bitte erläutern Sie Ihre Datenbasis. |
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Spitzer: Der Zusammenhang
ist empirisch nachgewiesen: Fernsehen im
Kindergartenalter führt nach einer
groß angelegten Längsschnittstudie
an über 1.000 Kindern zu einer starken
Beeinträchtigung der beruflichen Karriere.
Diese Kinder wurden in den Jahren 1972 und
1973 in einer kleinen Stadt in Südneuseeland
erfaßt. Dann gingen die Wissenschaftler
alle zwei bis drei Jahre zu den Familien,
erhoben genaue Daten über beispielsweise
Intelligenz der Kinder und der Eltern, über
die Aktivitäten, das Umfeld etc. Heute
sind diese Menschen über dreißig
und man kann sich genau anschauen, was aus
ihnen geworden ist. Unter anderem kam heraus:
In der Gruppe, die mit fünf Jahren
weniger als eine Stunde ferngesehen hatten,
befinden sich mehr als vierzig Prozent Hochschulabgänger
und weniger als zehn Prozent Schulabbrecher.
In der Gruppe, die mehr als drei Stunden
täglich ferngesehen hatte, waren es
weniger als zehn Prozent Hochschulabgänger
und etwa 25 Prozent Schulabbrecher. |
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Die Erklärung ist doch ganz
einfach, die „Dummen“ schauen
mehr fern! |
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Spitzer: Nein! Man hat
den Intelligenzquotienten der Kinder und
auch den der Eltern gemessen und kann diese
Daten aus dem Zusammenhang herausrechnen.
Er bleibt dann immer noch bestehen. |
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Wenn Sie auf fremde, ältere
Experimente zurückgreifen statt auf
eigene Untersuchungen, was ist dann so spektakulär
neu an Ihrem Buch, das ein beachtliches
Medienecho hervorgerufen hat? |
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Spitzer: Das Neue an
meiner Art, die Dinge zusammenzufassen,
besteht in der Neurowissenschaft. |
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Sie sprechen von Ihrer naturwissenschaftlichen
Perspektive als Gehirnspezialist, während
die Dinge sonst von Soziologen untersucht
werden? |
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Spitzer: Eben, wir haben
heute nicht nur soziologische, statistische
Zusammenhänge, die Neurowissenschaft
liefert Wirkungsmechanismen, das heißt
sie zeigt uns, wie das Fernsehen auf die
Gehirnentwicklung ungünstig einwirkt. |
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Nämlich? |
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Spitzer: Mäuse,
die in einem reizarmen, langweiligen Käfig
aufwachsen, haben unterentwickelte Gehirne.
Nun scheint das Fernsehen zwar bunt und
laut, aber für das Kleinkind ist es
reizarm: Da gibt es nichts zu riechen und
zu schmecken, man kann nichts anfassen,
das Gesehene hat keine Tiefe. Es fehlen
also etwa zwei Drittel des normalen Input.
Wenn nun Kinder im Alter von zwei Jahren
zwei Stunden vor dem Fernseher verbringen,
also etwa zwanzig Prozent ihrer wachen Zeit,
dann muß das negative Auswirkungen
auf die Gehirnentwicklung haben. |
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Der Erziehungswissenschaftler und
Medienpädagoge Stefan Aufenanger von
der Universität Mainz zum Beispiel
wirft Ihnen „Polarisierung“
vor und meint, „daß Fernsehen
nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch
durch seine Struktur kognitiv anregend sein
kann“. |
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Spitzer: Es gibt eine
kleine Gruppe von Menschen - Journalisten,
Medienleute, zum Teil auch solche, die sich
Medienpädagogen nennen -, die derartige
Zusammenhänge einfach nicht zur Kenntnis
nehmen wollen. Ich denke aber, die Fakten
sprechen eine eindeutige Sprache. |
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Sie bezeichnen die Teletubbies, ein
für Kleinkinder konzipiertes Programm,
als „kriminell“. In Baden-Württemberg
sendet seit Ende Dezember gar ein Säuglings-Sender
namens „Baby TV“. Drei Millionen
Kabelkunden können ihn bereits empfangen. |
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Den ersten Leitspruch habe ich einem
grossen Heiligen entlehnt, dem hl. Odilo,
der im 10. Jahrhundert mit seinem Kloster
Cluny eine schreckliche Kirchenkrise überwand:
das sog. Saeculum obscurum, das dunkle Jahrhundert.
Mit seiner Losung erwirkte er ein mächtiges
Aufblühen des Eifers für Gott,
er baute ein Kloster mit 3000 Mönchen.
Was war nun seine Losung, die er jetzt auch
uns für das begonnene Jahr mit auf
den Weg gibt? |
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Spitzer: „Baby-TV“
grenzt aus meiner Sicht in der Tat an ein
kriminelles Angebot: Wir wissen, daß
kleine Kinder durch das Fernsehen nur Schaden
nehmen können. Dies ist geistig und
körperlich zu verstehen: Wir wissen,
daß der Stoffwechsel der Kinder vor
dem Fernseher geringer ist als in Ruhe -
weil die muskuläre Aktivität vor
dem Fernseher abnimmt -, und wir wissen
weiterhin, daß Bewegungsarmut der
Knochenentwicklung schadet. Auch hier sind
die negativen Effekte des Fernsehens nachgewiesen.
Fernsehen macht also nicht nur dumm, es
macht auch dick und schadet der Knochenentwicklung.
Wenn man dies weiß, ist eigentlich
klar, daß man sein Kleinkind nicht
vor den Fernseher setzen sollte. |
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Also gilt doch: Es kommt auf den
richtigen Umgang mit dem Medium an! |
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Spitzer: Dies gilt für
Jugendliche. Wenn man schon das Medium nicht
ganz abschaffen kann - und übrigens,
man kann: Jede Familie mit Kindern kann
den Fernsehapparat abschaffen und damit
einen wesentlichen Beitrag für die
positive kindliche Entwicklung leisten!
-, so sollte man dafür sorgen, daß
so wenig wie möglich ferngesehen wird.
Die heute üblichen drei Stunden - im
Durchschnitt! - sind definitiv zuviel. |
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Das Schlüsselwort heißt
also weiterhin „Medienkompetenz“
erlernen?
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Spitzer: Hierzu gibt
es einige wenige Studien, die nahelegen,
daß Anleitung und Training zum Umgang
mit Fernsehen bei Kindern und Jugendlichen
leider keinen günstigen Effekt haben.
Auf deutsch, es ist gut gemeint, bringt
aber nichts. |
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Soziologen beklagen neben Sex und
Gewalt im Fernsehen vor allem den Konsum
seichter Massenunterhaltung als sozialschädlich.
Wie sieht das aus neurobiologischer Sicht
aus? |
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Spitzer: Die von Ihnen
so genannte „seichte Massenunterhaltung“
ist wahrscheinlich das geringste Problem.
Sie wird vor allem von älteren Menschen
konsumiert, wo das Fernsehen am wenigsten
schadet. Ältere Menschen müssen
lediglich abwägen, ob sie durch das
Fernsehen nicht zu stark vereinsamen, denn
hierzu trägt Fernsehen bei allen Menschen,
jung und alt, deutlich bei. |
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Also was empfehlen Sie? Den Fernseher
abschaffen? |
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Spitzer: Das ist in der Tat am einfachsten,
insbesondere wenn man Kinder zu Hause hat. |
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Sie haben Ihren Fernseher in den
Keller gestellt, moderieren allerdings selbst
wöchentlich die Sendung „Geist
und Gehirn“ im Bayerischen Fernsehen. |
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Spitzer: Ich habe den
Fernseher nicht nur in den Keller gestellt,
sondern ganz abgeschafft. Meine Sendung
kann ich deswegen nicht sehen, meine Kinder
auch nicht. Hier muß man abwägen:
Ich habe fünf Kinder, die keineswegs
nur ihren Papa am Freitagabend auf BR-Alpha
sehen würden. Als wir früher noch
einen Fernsehapparat hatten, gab es jeden
Abend Diskussionen darum, wer wann was sehen
darf oder warum nicht. Das war mir irgendwann
zuviel: Ich wollte nicht, daß sich
unsere Konversation nur noch um den Fernsehkonsum
dreht. Der Fernseher kam weg, und ich bin
heute sehr froh darüber. Meine Kinder
mittlerweile auch: Ich höre gelegentlich
Kommentare wie: „Ach Papa, das ist
eigentlich gar nicht schlecht, daß
wir keinen Fernseher mehr haben.“ |
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Eine weitere zentrale These Ihres
Buches: Fernsehen steigert die Gewaltbereitschaft.
Fernsehen an sich oder nur gewalthaltige
Inhalte? |
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Spitzer: Natürlich
sind es die Inhalte, die dafür sorgen,
daß der Fernsehkonsum zu mehr realer
Gewalt führt. Zu beachten ist hier,
daß 1980 über fünfzig Prozent
der in Deutschland gezeigten Fernsehprogramme
Gewalt enthielten - mittlerweile sind es
über achtzig Prozent! Zu beachten ist
weiterhin, daß gerade im Kinderprogramm
sehr viel Gewalt zu sehen ist und daß
das reine Erwachsenenprogramm gar zu 100
Prozent Gewaltdarstellungen enthält.
Bedenken Sie weiterhin, daß in Deutschland
abends um 22 Uhr noch 800.000 Kinder im
Kindergartenalter fernsehen, um 23 Uhr sind
es noch 200.000, und auch um Mitternacht
sind es noch 50.000. |
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Wo ist der Beweis, daß dies
auch zu mehr Gewalttaten führt? |
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Spitzer: Genaue Daten
liegen für die USA vor. Ein Epidemiologe
hat dort ausgerechnet - und die Ergebnisse
in einer angesehenen wissenschaftlichen
Zeitschrift publiziert -, daß allein
auf das Konto der Einführung des Fernsehens
in den USA jährlich etwa 10.000 Morde,
70.000 Vergewaltigungen und 700.000 weitere
Gewaltdelikte gehen. Für Deutschland
gibt es nur eine gute Untersuchung zum Thema
Selbstmord: Es wurde ein Film ausgestrahlt,
bei dem der Held sich vor einen Zug warf.
Die Anzahl der Eisenbahnsuizide ging in
den Wochen nach der Ausstrahlung deutlich
in die Höhe. Durch entsprechende statistische
Vergleiche konnte man weiter zeigen, daß
tatsächlich mehr Selbstmorde verübt
wurden und nicht nur diejenigen, die sich
sonst vielleicht erschossen hätten,
sich nun, weil sie ein anderes Vorbild hatten,
vor den Zug geworfen haben. Der Autor der
Studie hat daraufhin versucht, beim Fernsehen
zu erwirken, daß der Film nicht noch
einmal ausgestrahlt wird. Dies geschah trotzdem
- mit entsprechendem „Erfolg“:
Wieder brachten sich eine ganze Reihe von
Menschen um. Der Vorgang ist aus meiner
Sicht unglaublich! |
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„Fernsehtote“ - und gemeint
sind nicht die Toten im „Tatort“
- ist ein Begriff, den wir nach Ihrer Meinung
in unseren Sprachschatz aufnehmen sollten. |
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Spitzer: Wie schon vorhin
angedeutet, hat das Fernsehen enorm negative
Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Und
natürlich sterben Menschen am Fernsehkonsum.
Allein an der fernsehbedingten Dickleibigkeit
sterben in Deutschland jährlich mehrere
tausend Menschen. |
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Doch auch für Skatrunden, Kaffeekränzchen
und Büroarbeit gilt: null Bewegung
und vermehrter Verzehr von Kuchen, Keksen,
Schokolade und Knabberzeug. |
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Spitzer: Die Mechanismen,
warum Fernsehen dick macht, sind vielfältig:
Beispielsweise bezieht sich die an Kinder
gerichtete Fernsehwerbung zu 65 Prozent
auf Nahrungsmittel, die zu hundert Prozent
ungesund sind. Wer sie ißt, wird dick.
Fernsehkonsum führt weiterhin zu ungesunderem
Eßverhalten - weniger Essen zu den
Mahlzeiten, mehr Snacks zwischendurch -
und führt dazu, daß man sich
weniger bewegt, insbesondere die unwillkürlichen
kleinen Bewegungen nehmen ab. Deswegen führt
das Fernsehen selektiv zur Dickleibigkeit,
anders als beispielsweise das Lesen. - Im
übrigen ist das Lesen kein Problem,
denn rein zeitlich ist es bedeutungslos:
Bei der deutschen Jugend stehen drei Stunden
täglichem Fernsehen ganze 17 Minuten
täglichem Lesen gegenüber. |
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Wenn sich Fernsehen so destruktiv
auf unsere Gesellschaft auswirkt, warum
wird dies dann von den etablierten Parteien
nicht ernsthaft und vorrangig thematisiert? |
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Spitzer: Es wird Zeit,
daß wir umdenken. Fernsehen verschmutzt
die Köpfe der Kinder und Jugendlichen.
Man muß es deswegen behandeln wie
Umweltverschmutzung! Auch bei diesem Thema
galt vor dreißig Jahren, daß
die Leute geglaubt haben, man könne
nichts daran ändern; die Produktion
verdrecke nun einmal die Umwelt. Wir haben
erlebt, daß dies kein „Naturgesetz“
ist. Wenn wir uns Mühe geben, können
wir etwas ändern. Natürlich sind
die Politiker gefragt. |
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Kinderschutzaktivisten - etwa wie
die Aktion „Kinder in Gefahr“
- gelten nicht selten als „Spinner“
oder gar „autoritäre Ewiggestrige“. |
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Spitzer: Ich selbst
wurde auch schon oft als „oberlehrerhaft“
oder als „Spaßbremse“
bezeichnet. Aber wer schreibt das? Natürlich
die Medien selbst! […] Wichtig erscheint
mir: Es kann nicht sein, daß sich
eine Gesellschaft überhaupt nicht darum
kümmert, was Kinder und Jugendliche
mit dem größten Teil ihrer Zeit
anfangen. Es kann auch nicht sein, daß
wir die Inhalte den Marktinteressen einiger
weniger überlassen. Wir müssen
hier neu nachdenken - wenn wir dies nicht
tun, dann wird unsere Gesellschaft kulturell
und vor allem auch wirtschaftlich sehr rasch
weiter an Bedeutung verlieren. Wir dürfen
nicht weiter zusehen! |
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Moritz Schwarz |
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Prof. Dr. Manfred Spitzer
Der Wissenschaftler und Publizist ist Autor
des derzeit vieldiskutierten Buches „Vorsicht
Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung,
Gesundheit und Gesellschaft“ (Klett,
2005), das erstmals den Einfluß der
„Bildschirm-Medien“ aus neurowissenschaftlicher
Sicht untersucht. Spitzer, der im Bayerischen
Fernsehen auch die Sendung „Geist
und Gehirn“ moderiert (freitags auf
BR-Alpha), ist Leiter des Psychiatrischen
Universitätsklinikums in Ulm und Inhaber
des Lehrstuhls für Psychiatrie. Zwei
Gastprofessuren in Harvard und ein Forschungsaufenthalt
am Institut for Cognitive and Decision Sciences
der Universität Oregon prägten
seinen Forschungsschwerpunkt im Grenzbereich
der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie.
Geboren wurde er 1958 in Darmstadt. |
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Aus: JUNGE FREIHEIT, 27. Januar 2006 |
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