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Briefe und Bücher / Wochenbrief Nr. 4 aus 2006

Liebe Gläubige!

Nachfolgend drucken wir die Predigt von S.E. Weihbischof Tissier de Mallerais ab, die er anlässlich der Spendung der Niederen Weihen am 1. Februar hier im Seminar gehalten hat. Die bischöflichen Worte legen nicht nur die Bedeutung der verschiedenen Weihestufen zum Priestertum dar, sondern sie nehmen auch Stellung zur so genannten Hermeneutik der Tradition und des zweiten Vatikanischen Konzils, welche durch die
jüngsten päpstlichen Verlautbarungen wieder besonders ins öffentliche Interesse gerückt geworden ist.

Liebe Weihekandidaten!

Ihr wisst, dass die Kirche die Diakonatsweihe in mehrere Stufen eingeteilt hat, nämlich in das Subdiakonat, Akolythat, Exorzistat, Lektorat und Ostiariat. Das Subdiakonat wird bereits als eine höhere Weihe betrachtet, neben dem Diakonat und der Priesterweihe.

Die niederen Weihen in aufsteigender Reihenfolge sind also:
· Ostiarier (Pförtner)
· Lektor
· Exorzist
· Akolyth

Alle diese Weihen, sowohl die Niederen als auch die Höheren sind, gemäß der Lehre des hl. Thomas von Aquin, Teile des Sakramentes der Priesterweihe, auch wenn die Niederen Weihen und das Subdiakonat kein Merkmal in der Seele einprägen, wie das Diakonat und das Priestertum.

Die Niederen Weihen erteilen bereits besondere Vollmachten, welche im Diakonat und selbstverständlich im Priestertum enthalten sind.
Sie sind auch die verschiedenen, aufsteigenden Stufen der heiligen Hierarchie der Kirche, die schrittweise auf das Priestertum vorbereiten.Lasst mich nur einige der besonderen Vollmachten des Ostiariers und des Akolythen auslegen.

I. Die Weihe des Ostiariers

Die Ostiarier bekommen drei hervorragende Aufgaben:

- die Glocke läuten
- die Kirche und die Sakristei aufschließen
- das Buch aufschlagen für den, der vorliest und predigt.

Und zum Zeichen dieser dreifachen Voll-macht werdet Ihr die Schlüssel der Kirche empfangen, ihre Türe öffnen und die Glocke läuten.
Die Ostiarier mussten die Türen der Kirche bewachen, um die Heiden daran zu hindern, einzudringen und die hl. Geheimnisse zu entweihen.
Heute sollte die Aufgabe der Ostiarier darin bestehen, öffentliche Sünder aus dem Altarraum fernzuhalten und ebenso schlecht gekleidete Personen am Eintritt in die Kirche zu hindern.

Natürlich dürfen die Ungläubigen in der Kirche toleriert werden, wenngleich an sich alle Heiden, Mohammedaner, Juden, sogar Nicht-Katholiken keinen Zugang zur Mitfeier der Mysterien haben dürfen.
Denn die Teilnahme an den Zeremonien der Kirche Jesu Christi setzt zwei Bedingungen voraus:

a) den Taufcharakter
b) den katholischen Glauben.

1. Der Taufcharakter

Bezüglich des Taufcharakters lehrt der hl. Thomas, er verähnliche den Christen mit Jesus Christus dem Priester; in einer ersten Stufe für alle Gläubigen gleich, aber wurzel-haft verschieden vom eigentlichen Priestertum des geweihten Priesters. Nun aber beauftragt der Taufcharakter den getauften Christen mit dem Gottesdienst nach dem Ritus der christlichen Religion dergestalt, dass ohne diesen Charakter keine gottgefällige Form des Kultes Gott dargebracht werden kann. Darin besteht gerade der erste Unterschied zwischen Christen und Nicht-Christen.

2. Auch der zweite Unterschied ist bedeutsam: die theologische (oder göttliche) Tugend des Glaubens ist notwendig, um Gott zu gefallen.
„Accedentem ad Deum oportet credere“, sagt der hl. Apostel Paulus, „Wer Gott naht, muss glauben, dass Er ist und dass Er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist“ (Hebr 11,6). Mit einbegriffen sind hier die Geheimnisse der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Erlösung und auch der heiligen Menschwerdung. Folglich bleibt denen, die über diese Glaubensgeheimnisse nicht den rechten Glauben haben, kein Platz in der Versammlung der Gläubigen, die vereint sind für den göttlichen Kult.

Die Aufgabe des Ostiariers erinnert uns an die nötige Reinheit unseres Glaubens. Mit der Abschaffung des Ostiariates nach dem Zwei-ten Vatikanischen Konzil, verliert man den Sinn für den Unterschied zwischen getauften und nicht getauften, zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen. Unter diesen Umständen erstaunte es nicht, den
vergangenen Papst zu hören, wie er eine naturalistische und transzendentale Re-Interpretation des Dogmas der Erlösung dargestellt hat: wie das Kreuzesopfer Jesu Christi der unentgeltliche Beweis der unveränderten Liebe Gottes zum sündigen Menschen ist – Punkt Schluß! Im neuen österlichen „Exsultet“ sollte nicht mehr „O felix culpa, quae talem ac tantem meruit salvatorem – O glückliche Schuld, die einen so
großen, so erhabenen Erlöser zu erhalten verdiente“ gesungen werden, sondern „O glückliche Menschen-würde, welche du einen solchen Erlöser verdient hast!“ In dieser neuen Interpretation wird der Glaube angeblich befruchtet und bereichert durch eine neue „Lebensbeziehung“ zwischen dem Glauben und dem heutigen modernen Denken.

Führen wir ein zweites Beispiel der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgestellten Hermeneutik (Auslegung/Interpretation) an: Die Päpste des 19. Jahrhunderts hätten nur den bösen, gewalttätigen Liberalismus verurteilt, welcher Christus keinen Platz mehr in der zivilen Gesellschaft belässt, aber diese Päpste hätten nicht den guten, sanften Liberalismus verurteilt, welcher die sittliche Weite des Christentums oder besser gesagt, die großen sittlichen vom Christentum eröffneten Quellen dem konfessionslosen Staat inspiriert. Die Re-Interpretation der Vergangenheit unter dem Licht der Gegenwart wäre eine Forderung der Hermeneutik, und somit müsste man die Lehre der Kirche revidieren, die vergangenen Verurteilungen läutern und die Tradition der Kirche neu sichten.

Vielleicht denkt Ihr, liebe Weihekandidaten, dass ich mich weit entfernt habe von der Aufgabe des Ostiariers … Nun gut, werfen wir jetzt einen Blick auf die Aufgabe des Akolythen …

II. Die Weihe der Akolythen

Der Akolyth muss – gemäß dem römischen Pontifikale –

- den Leuchter tragen
- die Lichter der Kirche anzünden
- Wein und Wasser bei der heiligen Messe darreichen.

Selbstverständlich ist die dritte Aufgabe die erhabenste, weil der Akolyth damit die Materie des heiligen Meßopfers bereitet, die Materie, welche durch die Transsubstantiation in das kostbare Blut Jesu Christi verwandelt werden wird! Somit erhält der Akolyth schon eine gewisse Vollmacht über den wahren physischen Leib Jesu Christi und nicht nur – wie bei den übrigen Niederen Weihen – über den mystischen Leib unseres Herrn Jesus Christus.

Die Mahnung des Bischofs an die zu weihenden Akolythen ist sprechend mit den Worten des hl. Apostels Paulus ausgedrückt:

„Inmitten eines gottlosen und verkehrten Geschlechts leuchtet wie Lichter in der Welt, bewahrend das Wort des Lebens. Eure Lenden seien daher umgürtet und brennende Lampen in euren Händen, auf dass ihr Kinder des Lichtes seid. Schüttelt ab die Werke der Finsternis und ziehet an die Waffen des Lichtes!“ – Was ist dieses Licht? Es ist das Licht eurer guten Werke, eurer Tugenden und besonders das Licht eures Glaubens. Das Schlussgebet lautet: „O Gott … würdige Dich, diese deine Diener zu segnen … dass Du ihren Geist mit dem Lichte der Wissenschaft erleuchten und mit dem Tau deiner Frömmigkeit befeuchten wollest.“

Es ist klar, die echte Frömmigkeit und die wahre Wissenschaft bestehen zuallererst in der Treue zum katholischen Glauben und zur Tradition der Kirche. Das erste Licht, das ihr, liebe Weihekandidaten, vorantragen sollt, ist das Licht des unversehrten katholischen Glaubens, befeuchtet mit dem Tau der Demut und der Unterwerfung unter die Tradition, ganz entgegengesetzt dem Hochmut und der Anmaßung der Neuerer!

Unter dem Vorwand einer erneuerten Synthese zwischen dem christlichen Glauben und dem modernen Denken wollten diese Neuerer die Religion vorwärtsschreiten lassen durch die Aneignung der „besten Werte von zwei Jahrhunderten liberaler Kultur“ (Kardinal Ratzinger, Interview mit Vittorio Messori in Jesus, 1985). „Es sind offen gestanden Werte, die außerhalb der Kirche geboren sind, in einem der Kirche entgegengesetzten Klima hervorgegangen (und sogar mit einigen Verurteilungen des Lehramtes der Kirche belastet!); aber sie können, einmal gereinigt und revidiert, ihren Platz finden in der Weltanschauung der Kirche.“ „Dies ist möglich, und das ist es, was getan wurde“ (während des Zweiten Vatikanischen Konzils).

Beispielsweise dürfe der Wert der mensch­lichen Würde sehr wohl seinen Platz finden im Martertod der Blutzeugen. Man darf auf das Zeugnis der Martyrer zurückschauen und einen neuen Wert ausfindig machen: Die Martyrer sind nicht nur für den Namen Jesu gestorben, sondern auch zum Zeugnis für die menschliche Würde und für die Gewissensfreiheit des Menschen angesichts der Gewalt der Verfolger. Und der hl. Blutzeuge Justinus hätte diese Gewissensfreiheit in seiner Apologie beansprucht! Wir müssen dagegen vermuten, dass der hl. Justinus die christliche Gewissensfreiheit beansprucht hat und nicht irgendeine Gewissensfreiheit, die für die Wahrheit wie auch für den Irrtum gälte! Er hat die echte Freiheit beansprucht, den Namen Jesu Christi zu bekennen!

Dies war auch die Haltung des hl. Ignatius von Antiochien, den wir heute feiern! Ich zitiere ihn aus dem Brevier:

„Ach, läge ich doch schon vor den wilden Tieren, die für mich bereit gehalten werden; ich werde sie bitten, recht schnell meinen Tod und meine Hinrichtung zu besorgen; ich will sie reizen, dass sie mich zerreißen (…) Nun fang ich an, ein Jünger Christi zu werden; ich will nichts mehr von dem, was sichtbar ist auf Erden; nur Jesus Christus möchte ich finden. Feuer, Kreuz, wilde Tiere, Zertrümmerung der Knochen, Zerstückelung der Glieder und des ganzen Körpers, Zermalmung, alle Foltermittel des Teufels, alles mag über mich kommen, wenn ich nur Christus besitze.“

Er schrieb diese starken Worte seiner Vorliebe für unseren Herrn Jesus Christus in seinem Brief an die Römer, von Smyrna in der Türkei.

Liebe Weihekandidaten, will einer von euch das Feuer, das Kreuz, die wilden Tiere, das Zerschlagen der Gebeine, das Zerteilen der Glieder und das Zermalmen des ganzen Leibes erleiden für die Würde der menschlichen Person, die ihr darstellt? Nein! Ihr wollt schlicht und einfach für Jesus Christus leben und sterben. Ihr seid katholisch, nicht transzendental! Der hl. Ignatius hat nur dies gewollt: Wie ein Brot gegessen zu werden, um wirklich das Brot Christi zusammen mit dem Brot des heiligen Meßopfers zu werden.

Werfen wir kühn diese abscheulichen Versuche der Hermeneutik zurück. Weisen wir diese profane Mischung des Glaubens mit dem modernen Denken zurück. „Der Glaube ist keine philosophische Erfindung“, sagt Papst Pius IX., „die wir durch den unbegrenzten Fortschritt des Verstandes vervollkommnen dürften.“

Der wahre Fortschritt der kirchlichen Lehre besteht nicht darin, dem Glaubensgut profane Irrtümer einzuverleiben, sondern die Glaubenswahrheit klarer und genauer zu erfassen und deutlicher auszudrücken – wie es der selige Papst Pius IX. in seiner Bulle über die Definition des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariae erklärt.

Die echte „Sacra Doctrina“, die echte Theologie besteht nicht in dem Versuch, den Glauben mit dem irrigen Denken der modernen, idealistischen Philosophie zu versöhnen, sondern sie besteht im demütigen Dienst der Philosophia perennis, der immerwährenden Philosophie, an der Lehre des Glaubens, in der Schule des hl. Thomas von Aquin. Die Grundsätze der wunderbaren Synthese der Theologie des engelgleichen Doktors sind, so sagen die Päpste Leo XIII., Pius X. und Pius IX., das beständige Mittel, um die Irrtümer aller Zeiten zu entdecken und zu widerlegen.

„Seid Licht im Herrn“, liebe Weihekandidaten; seid Licht für die Ehre Jesu Christi und nicht für die Verherrlichung einer verfälschten menschlichen Würde! Seid Licht durch eure gesunde Lehre in der Schule des hl. Thomas von Aquin, zur Ehre Christi des Königs und ewigen Hohenpriesters. Amen.

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