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Briefe und Bücher / Wochenbrief Nr. 1 aus 2006

Heilmittel für die heutigen Zeitübel - Neujahrsgedanken Teil I

Da die vereisten Straßen es vielen Gläubigen nicht erlaubten, an Neujahr die hl. Messe zu besuchen, erlauben wir uns, aufgrund des programmatischen Charakters der Neujahrspredigt, dieselbe hier (leicht erweitert) zu veröffentlichen.

Zum neu angebrochenen Jahr entbiete ich Ihnen meine besten Segenswünsche. Möge es für Sie alle ein glückliches, friedvolles, gesegnetes Jahr werden. Der Segen Gottes begleite Sie alle Tage. Und mögen Sie alle dieses neue Jahr hoffnungsfroh, mutig und mit festem Gottvertrauen beginnen.

Diese frohe christliche Hoffnung tut uns allen not. Ein Blick auf die heutige Weltlage macht es uns in der Tat schwer, und von Jahr zu Jahr schwerer, wirklich zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

Der religiöse, geistig-moralische Niedergang der Gesellschaft schreitet rasant voran; auch die Gutgesinnten bleiben nicht unberührt, sondern sind in Gefahr mitgerissen zu werden.

Einer unserer Priester in Frankreich, der seit Jahren in einem Exerzitienhaus wirkt, sagte uns vor kurzem: die Exerzitien sind ein wunderbares Apostolat, aber von Jahr zu Jahr mehren sich die schwierigen Fälle, die schier unlösbaren Probleme.

M.a.W: die Gesellschaftskrise erreicht auch die Gutgesinnten, die treuen Katholiken. Denn wir leben ja nicht in einem Glashaus, in einer kleinen, heilen Welt der Tradition, sondern eben direkt in dieser Welt, wie wir sie vorfinden.

Und so wird es tatsächlich von Jahr zu Jahr schwerer, ein gutes katholisches Leben zu führen – sei es für die Familien oder für die Einzelnen.

Allerdings dürfen wir ja nicht den Mut verlieren und meinen, es gäbe keine Hoffnung mehr, jede Anstrengung sei ohnehin zum Scheitern verurteilt. Nein nichts wäre verkehrter als dies.

Der wahre Christ ist wesentlich ein Mensch der Hoffnung und der Zuversicht. Zu Beginn eines neuen Jahres dürfen wir uns erinnern, dass Gott für jede Zeit spezielle Gnaden gibt, und für jedes Zeitübel spezielle Heilmittel!

Diesen Grundsatz mache ich mir heute zu eigen, wenn ich Ihnen für das neue Jahr zwei Leitworte mitgeben möchte.

Die heutige Welt leidet v.a. an zwei Hauptübeln, die Folgen der allgemeinen Gottlosigkeit sind.

1. Weil die Welt Gott verloren hat, ist bei den meisten Menschen die Liebe erkaltet. Denn wahre Liebe kann nur in Gott bestehen. Wenn aber die Liebe erkaltet, triumphiert der Egoismus: Rücksichtslosigkeit, Härte, Gewalttätigkeit, Bosheit. Das 1. Zeitübel: der unbarmherzige Egoismus.

2. Weil die Welt den Schöpfer verloren hat, geriet sie in eine gestörte Beziehung zur Schöpfung, zur Natur und den Naturgesetzen. Der Mensch ist denaturiert. Er hat sich eine Scheinwelt aufgebaut mit Computertechnik, Fernsehen und Fantasyfilmen wie Harry Potter oder Herr der Ringe: eine neue irreale Welt mit neuen irrealen Gesetzen. Das 2. Zeitübel: die Denaturierung, die Flucht in eine irreale Scheinwelt, die den Menschen zerstört, weil sie ein Angriff auf seine Natur darstellt.

Diese beiden Zeitübel scheinen mir zwei Hauptsymptome der Krankheit zu sein, worunter die heutige Welt leidet. Und wie gesagt: weil wir nicht abgeschottet in einem Glashaus wohnen, sind auch wir - als gläubige Menschen - in Gefahr, angesteckt zu werden.

Das liegt ganz klar auf der Hand:

Wir sind in Gefahr, dass in uns die Liebe erkaltet, dass wir zu hart und unbarmherzig und rücksichtslos werden.

Und zweitens laufen wir Gefahr, die Harmonie mit der Natur zu verlieren.

Darum möchte ich Ihnen – ausgehend von dieser Diagnose – zwei Heilmittel anbieten, die Ihnen als Leitsprüche für das Neue Jahr dienen mögen.

1. Leitspruch

Den ersten Leitspruch habe ich einem grossen Heiligen entlehnt, dem hl. Odilo, der im 10. Jahrhundert mit seinem Kloster Cluny eine schreckliche Kirchenkrise überwand: das sog. Saeculum obscurum, das dunkle Jahrhundert. Mit seiner Losung erwirkte er ein mächtiges Aufblühen des Eifers für Gott, er baute ein Kloster mit 3000 Mönchen. Was war nun seine Losung, die er jetzt auch uns für das begonnene Jahr mit auf den Weg gibt?

Seine Losung lautete: Alles in Liebe! Nach diesem Programm hat er als Abt regiert und als Priester gewirkt. Er pflegte zu sagen: „Ich will lieber wegen Barmherzigkeit barmherzig gerichtet, als wegen Härte hart verdammt werden.“

Freigebig schenkte er allen seine aufrichtige, selbstlose Liebe. Um den Armen helfen zu können, machte er sich selber arm, und als zur Zeit einer schlimmen Hungersnot Odilos Kloster durch seine Freigebigkeit schon von allem entblößt war, zog er von Ort zu Ort, von Burg zu Burg und bettelte Gaben für die Notleidenden und munterte auf zu christlicher Hilfe. Gegen bußfertige Sünder war er wie Gott: schrankenlos im liebenden Verzeihen. Den Hausgenossen war er ein Bild des gütigen, liebeschenkenden Heilands. Man sagte von ihm: Wenn Abt Odilo einem begegnet, dann ist es, als ob ein Festtag in die Seele zöge. Die Liebe lag wie ein Schimmer der Verklärung über seinem ganzen Wesen und beglückte jeden, der mit ihm in Berührung kam.

Alles in Liebe! Kann es einen schöneren Leitspruch für das neue Jahr geben? Wie viele Verstimmungen und Mißhelligkeiten, wieviel Zank und Hader würden vermieden, wenn wir alle uns ernstlich mühten, nach diesem Wahlspruch zu handeln! Von Abt Odilo heißt es: „Begegnete er einem, so war's, als ob ein Festtag in die Seele zöge.“ Wie schön wäre es, wenn sich das im neuen Jahr auch von uns sagen ließe! Wer uns in diesem Jahr entgegentritt, Hausgenossen oder Fremde, Vorgesetzte oder Untergebene, Freunde oder Gegner - es soll ihnen in unserer Nähe werden, als zöge ein Festtag in ihre Seele. An unserer Liebe soll sich ihre Liebe entzünden - ihre Liebe zu den Mitmenschen, ihre Liebe zu Gott!

Ich weiß, das ist nicht einfach. Es ist nicht einfach, eine verärgerte Stimmung, ein mürrisches Wesen, eine vorwurfsvolle Haltung zu überwinden. Wie schade, wenn man sich nicht überwindet und den anderen das Leben schwer macht!

Vielleicht war bisher zuviel abweisendes, frostiges Wesen in uns, das wie kalter Frühlingsreif auf zarten Blütenknospen wirkt.

Arbeiten wir doch da entschieden an uns! Die Menschen sind so dankbar für jedes bißchen warme Liebe, das sie finden. – mehr denn je. Wir wollen doch die Menschen froh machen, die zu uns kommen, und mit denen wir zu tun haben - in der Familie, im Geschäft, bei der Arbeit, in Gesellschaft, auf der Straße. Alles in Liebe!

Das heißt aber auch: Wir dürfen uns durch nichts verbittern lassen – es gibt immer wieder ärgerliche Situationen, die einen unzufrieden machen könnten; oder es gibt schmerzliche Enttäuschungen, die wir von Mitmenschen erleben; oder schwere Heimsuchungen, die uns bedrücken. Aber: wir dürfen uns nicht verbittern lassen! Jeder hat ein Kreuz zu tragen. Und wir wollen es tragen, wie es sein soll: in Liebe, im Geiste kindlichen Vertrauens und restloser Hingabe an den Willen des himmlischen Vaters.

In einer Erzählung aus Rußland wird geschildert, wie der Verbannte A. Petrowitsch nach langen Leidensjahren endlich aus Sibirien zurückgerufen wird. Unter unsäglichen Mühen schleppt er sich mit seiner Frau Markowna der Heimat zu. Erschöpft von dem dreijährigen Wandern, lebensüberdrüssig ob all des Leides, fragte eines Tages Markowna: „Wie lang wird dieses Elend wohl noch dauern?“ Petrowitsch antwortet: „Markowna, bis zum Tode ist uns auferlegt zu leiden um unseres Heilandes Jesu Christi willen.“ Da tat Markowna einen tiefen Seufzer und sprach: „Nun ja, Petrowitsch, dann wandern wir halt weiter!“

Ein Kreuz liegt auf uns allen. Manche von uns schleppen eine schier unerträgliche Last. In müder, weher Verzagtheit fragt so mancher: „Wie lange soll das Elend wohl noch dauern?“ Gibt es auf diese Frage eine schönere Antwort als die des verbannten Petrowitsch: „Bis zum Tode ist uns auferlegt zu leiden um unseres Heilandes Jesu Christi willen.“ So ist nun mal das Leben. Nehmen wir es gelassen an. Wir dürfen nicht den Mut verlieren. Das Kreuz ist auch nicht jeden Tag gleich schwer. Aber unser Leben ist ein mühseliges Wandern aus dem Land der Verbannung der ewigen Heimat zu. Darum lasst uns der schlichten russischen Bäuerin das ergreifend schöne Wort nachsprechen: „Nun ja, dann wandern wir halt weiter!“ Nicht stumpfsinnig wie das Zugvieh unter dem Joch seiner Last; nein, wir wandern weiter durch das neue Jahr straffen Schrittes, aufrechten Ganges, mit einem Herzen, in dem das helle Licht einer unlöschbaren Liebe brennt; Gott ist ja mächtig, diese Liebe immer wieder von neuem zu entzünden.

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